In Buddhas Arme

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Ein Bericht über das Tibetische Kinderdorf in Dharamsala...

Von Detlef Esslinger, Süddeutsche Zeitung Nr. 41, Samstag, den 19. Februar 2005, Seite 103

Er schildert das ohne Erregung, geradezu beiläufig. Kaum zu fassen ist das ja nur für den Besucher, der zum ersten Mal hier ist. Für Tsewang Yeshi bedeutet es Alltag, seit Jahren. Der Mann führt also durch die Anlage, zeigt den Basketballplatz und die Schlafräume, die Spiel- und die Klassenzimmer. Äußerlich macht dieses Tibetan Children’s Village, das Tibetische Kinderdorf, den Eindruck eines gut geführten Internats, das Interieur zwar ein wenig bescheiden, aber, nun gut, dies ist Himalaya, nicht die Schweiz. In einem Zimmer kauern acht Kinder vor dem Fernseher, schauen einen Schmachtfetzen aus Bollywood. Dicht gedrängt hocken sie, die Beine an einen Eisen-Eimer mit glühender Asche geschoben: die Heizung hier. Was der Besucher aus den Worten von Tsewang Yeshi schließen kann: Die meisten der Kinder können nicht damit rechnen, ihre Eltern wiederzusehen.

Yeshi ist der Leiter des Tibetan Children’s Village. Er erzählt, dass die Organisation in Indien fünf tibetische Kinderdörfer betreibt, als Obdach für Kinder, die aus Tibet flohen - allein, ohne ihre Eltern. Im Durchschnitt bewohnen je 37 Kinder ein Haus, gibt er an, und dieser Winter sei wirklich kalt, erst vor zwei Wochen ein halber Meter Schnee, so viel hätten sie seit zehn Jahren nicht gehabt, die Gegend sei eher mild, trotz des Gebirges.

Für ihn ist das die Grundlage seiner Arbeit; wären die Zustände anders, bräuchte es keine Kinderdörfer, zumindest keine fünf. Zum einen gibt es Eltern, die seit Jahren in Indien leben und die ihre Kinder ins Childrens Village schicken, damit diese eine tibetische Erziehung erhalten: Unterricht in der Sprache der Heimat, in deren Geschichte und Traditionen. In den Ferien leben diese Kinder bei den Eltern, nach der Schulzeit kehren sie ganz zu ihnen zurück.

Aber die Mehrheit der Kinder sind jene, von denen Yeshi so nebenbei gesagt hat, dass sie allein aus Tibet geflohen sind. Sechs von zehn Bewohnern in den fünf Children’s Villages sind Flüchtlinge. Es handelt sich um Kinder, die von ihren Eltern an Fluchthelfer übergeben wurden. Anderthalb bis zwei Wochen schlichen sie sich abseits der Straßen nach Nepal, das Land zwischen Tibet/China und Indien, in dem die tibetische Exilregierung ein Auffanglager betreibt. Keinerlei Habe können die Kinder mit sich führen, der Abschied von den Eltern bedeutet nach Lage der Dinge einen Abschied für immer. Die Eltern wissen nur: Sollten die Kinder die Flucht überstehen, sollten sie nicht von chinesischen Polizisten erwischt werden oder vor Erschöpfung sterben, dann haben sie es geschafft. Das Tibetan Children’s Village garantiert allen einen Platz. Die Eltern selbst bleiben zurück: ohne Sprachkenntnisse, ohne Schulbildung und Beruf hätten sie, die in ihrer Mehrheit Nomaden sind, im Exil keine Chance. Überdies verlangt der Führer 4000 Yuan, drei Jahresverdienste - pro Flüchtling, nicht pro Tour.

Man kann das so sehen, dass die tibetische Exilregierung in Dharamsala einen Anreiz installiert hat, Kinder auf eine lebensgefährliche Flucht zu schicken. Man kann aber auch die Frage stellen, was für Zustände eigentlich in einem Land herrschen müssen, dass Eltern schon die Existenz eines Kinderdorfes in Indien genug ist, um dafür die Familie zu opfern. „Manchmal sind die Chinesen froh um jeden, der die Flucht aus Tibet geschafft hat“, sagt Tsewang Yeshi. „Weil sich damit die Proportion zwischen Tibetern und Chinesen in Tibet zugunsten der Chinesen ändert.“ Manchmal jedoch unternähmen sie alle Versuche, Fluchtwege abzuschneiden. „Weil mit jedem Flüchtling auch eine Geschichte über die Verhältnisse in Tibet nach draußen kommt.“

Tibet bleibt für die Tibeter ein hoffnungsloses Land. Seitdem Chinas Kommunisten im Jahr 1950 dort einmarschiert sind, haben sie das Leben von mehr als einer Million Einheimischen auf dem Gewissen. Sie haben 6000 Klöster zerstört, sie werfen Menschen ins Gefängnis, wenn sie ein Bild des Dalai Lama besitzen, sie siedeln Chinesen dort an, nur zu dem Zweck, die Tibeter in deren eigenem Land zur Minderheit zu machen. Tibetische Schulen sind verboten, zu den chinesischen haben vor allem Chinesen Zugang. In den Kinderdörfern in Indien sind auch Männer untergekommen, im Alter zwischen 20 und 35 Jahren. Sie holen ihren Schulbesuch nach.

Dharamsala ist eine Art Arche Noah, ein Ort, ohne den das Überleben der tibetischen Sprache, der Mönchskultur, der Tänze nicht zu bewerkstelligen wäre. Auf 1800 Meter Höhe liegt der Ortsteil, den die indischen Bewohner nach einem Erdbeben im Jahr 1905 weitgehend verlassen hatten und den die Regierung in Delhi dem Dalai Lama zuwies, nachdem ihm 1959 die Flucht vor Maos Truppen gelungen war. 13 Stunden dauert die Fahrt von Delhi hierher, 500 Kilometer, immer nach Norden. Hoch in die Berge geht es erst die letzten zwanzig Minuten, nach dem Verlassen des unteren Ortsteils, der heutigen Heimat der Einheimischen. Der obere Teil, das Refugium von 10 000 Tibetern, ist der letzte Ort vor dem Hochgebirge.

Wer über den Basketballplatz des Kinderdorfes läuft, blickt entweder achthundert Meter nach unten, nach Lower Dharamsala und ins Hügelland des indischen Bundesstaates Himachal Pradesh, oder dreieinhalbtausend Meter nach oben, auf Fünftausender, die ersten Gipfel des Himalaya. Gebetsfahnen wehen über den asphaltierten Straßen. Die Inhaber der Geschäfte haben sich auf die Touristinnen aus Europa eingestellt, die für einen Plastik-Buddha immer noch einen Platz in ihrer Wohnung finden. Nur die Kuh, die auf der Hauptstraße den Rinnstein entlang spaziert, erinnert einen daran, dass man sich weiterhin in Indien aufhält.

Es handelt sich um eine Hauptstadt, die im Wortsinn keine ist. Aber andererseits doch. Zumindest gibt es alle Zutaten einer solchen: Parlament, Ministerien, Radiosender, Sitz des Staatsoberhaupts. Aus 46 Abgeordneten besteht das Parlament, sie sollen sowohl die sechs Millionen Landsleute in der Heimat repräsentieren, als auch die 112 000 im Exil. Je zehn werden deshalb aus den drei traditionellen tibetischen Provinzen gewählt, zehn kommen aus den buddhistischen Schulen, zwei aus Europa, einer aus Nordamerika, drei werden noch vom Dalai Lama ernannt.

Von einem Parlament in einer herkömmlichen Demokratie unterscheidet dieses sich dadurch, dass es weder Koalition noch Opposition gibt. „Wir entscheiden von Fall zu Fall“, sagt der Abgeordnete Thokme Thinla Dorjee, der im Hauptberuf Arzt ist, im tibetischen Hospital von Dharamsala, „mal regieren wir, mal opponieren wir.“ Im Exil gibt es Besseres zu tun, als parlamentarische Schlachtenrituale zu pflegen.

Der Dalai Lama wird von den Tibetern nicht nur als ihr religiöses Oberhaupt verehrt, sondern auch als Staatsoberhaupt der Exilgemeinde geführt. Sein Bild hängt in fast allen Gebäuden in Dharamsala und auch über seinem Thron im Parlament, das er zu einer der beiden Sitzungen im Jahr besucht. Seine politische Macht jedoch hat der Gottkönig in den vergangenen Jahren abgegeben. Schon seit 1990 wird die Exilregierung nicht mehr von ihm ernannt. Seitdem wurde sie zunächst von den Abgeordneten gewählt, seit 2001 bestimmen die Exiltibeter den Regierungschef direkt; dieser wiederum hat drei Minister ernannt. Alimentiert wird die Regierung durch freiwillige Abgaben der Exiltibeter in aller Welt, außerdem durch einige kommerzielle Aktivitäten.

Während sich das eigentlich ausschließt, im Exil leben und regieren, hat diese Exilregierung tatsächlich zu tun: Sie hilft neu angekommenen Flüchtlingen, sie betreibt 60 Krankenhäuser, in Indien und Nepal, sie kümmert sich um 200 tibetische Klöster in diesen beiden Ländern sowie in Bhutan, und sie versucht, die Welt zu informieren über Vorgänge in der Heimat. Keine guten Nachrichten: Der Anteil der Tibeter unter den Staatsbediensteten in Tibet ist seit dem Jahr 2000 von 71 auf 61 Prozent gesunken. Bergbau-Unternehmen aus Kanada und Australien wollen in dem ökologisch empfindlichen Hochland Gold und Kupfer schürfen, auf ausdrücklichen Wunsch der Besatzungsmacht.

In seiner Residenz erzählt der Dalai Lama, erst vor kurzem habe er mit einem „Chinesen aus dem Mutterland“ - genauere Angaben macht er nicht - über Umweltschutz in Tibet gesprochen. Die Residenz befindet sich auf einer der Terrassen, die dem aufsteigenden Gebirge hier abgewonnen wurden. Sechs Monate im Jahr verbringt der Dalai Lama in Dharamsala, auf einem Gelände, das man nur betreten darf, wenn man am Vorabend seinen Pass abgegeben hat. Die anderen sechs Monate reist er durch die Welt. Mag die Exilregierung auch Vertretungen in 13 Ländern unterhalten, letztlich lässt sich alles Interesse in der Welt am Thema Tibet auf das Charisma dieses Mannes zurückführen. In der Residenz spricht er von dem trockenen Klima in der Heimat, dem 4000 Meter hoch gelegenen Land, vom Brahmaputra, Mekong und dem Jangtse, den großen Flüssen Asiens, die in Tibet entspringen. „Wir brauchen dort besonderen Schutz“, sagt er, „es wird bei allen Industrialisierungs-Plänen zu wenig über die Konsequenzen nachgedacht.“

Es ist ziemlich lustig, den Dalai Lama zu treffen. Man erlebt es nicht oft, dass ein Staatsoberhaupt seinen Ankündiger so hübsch konterkariert, einen Ankündiger, der in diesem Fall kein Tibeter, sondern ein mit ihm bekannter Filmproduzent aus Deutschland war. Gravitätisch breitete der Mann am Vorabend aus, wie Seine Heiligkeit die Besucher vor der Residenz begrüßen und dann hineinbitten werde; „das ist Protokoll“.

Nichts davon, stattdessen setzt man sich drinnen auf die freien Plätze, und plötzlich, sechs Minuten vor der Zeit, kommt Seine Heiligkeit rechts durch eine offene Seitentür hinein, winkt kurz, sagt, sorry, er sei immer zu früh, und nachdem er seine Niederwerfungen erledigt hat, setzt er sich dazu und fängt das Plaudern an. Er gluckst oft und laut, gleich, ob es um sein neues Buch geht, das man gerne lesen, aber auch wieder zuklappen könne, oder um die kommunistischen Besatzer, die nicht begriffen, dass sie zwar die Physis von Menschen beherrschen könnten, nicht aber deren Geist.

Ein junger Mann von 25 Jahren war der Dalai Lama, als er nach Dharamsala kam. In diesem Jahr wird er 70, und er sagt, seine Generation werde den Indern immer dankbar sein, für die Hilfe und das Obdach. Aber Exil bleibt Exil, die Tsuglakhang, die zentrale Kathedrale gleich gegenüber der Residenz, ist ein Flachbau aus den Siebzigern, und nicht der Potala-Palast mit seinen tausend Räumen, jener heiligen Stätte in der besetzten Hauptstadt Lhasa, den es in Dharamsala nur als Foto gibt, an den Eingängen der Regierungsgebäude.

„Wenn wir zurückkehren nach Tibet . . .“, beginnt der Dalai Lama einen Satz, der Mann, der nun zwei Drittel seines Lebens in diesem Exil verbracht hat. Aber noch verläuft die Bewegung in die umgekehrte Richtung. 824 Kindern zwischen 6 und 14 Jahren ist vergangenes Jahr die Flucht nach Indien gelungen.

 
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