Zug ins Verderben
 

von Richard  Gere

Die kürzlich erfolgte Eröffnung der höchstgelegenen Eisenbahnlinie der Welt von Peking nach Lhasa stellt eine schwindelerregende technische Errungenschaft und ein Zeugnis der zunehmenden Bedeutung Chinas dar. Sie stellt aber auch eine sehr ernste Bedrohung für das Überleben der einmaligen religiösen, kulturellen und sprachlichen Identität Tibets durch die Chinesen dar. Mit den Worten eines bekannten tibetischen Religionsgelehrten, der nach vielen Jahren Haft in einem chinesischen Gefängnis verstarb, ist die Bahn für Tibet Vorbote „einer Zeit der Not und Dunkelheit“.

Diese Bahnlinie quer über das Dach der Welt wird Tibet vermehrte chinesische Militärpräsenz bringen, die jetzt schon verheerende Ausbeutung der natürlichen Ressourcen noch beschleunigen, die chinesische Zuwanderungsrate erhöhen und dabei das tibetische Volk weiter verdrängen. In der Hauptstadt Lhasa sind die Tibeter bereits eine Minderheit.

In den Jahren nach Tibets Besetzung durch China im Jahre 1950 wurden Tausende von buddhistischen Klöstern zerstört, Hunderttausende Tibeter mussten ihr Leben lassen. Heute geht die Unterdrückung der Religion subtiler und weniger sichtbar für Aus-senstehende vonstatten. Viele Klöster sind teilweise wieder aufgebaut worden, oft sind sie aber nur touristische Herzeigeobjekte. Eine vollständige Religionsausbildung in Tibet zu erhalten, ist praktisch unmöglich. Sogar der Besitz eines Dalai Lama Fotos ist ein kriminelles Vergehen.

Viele Tibeter mussten zugunsten der Eisenbahnlinie Grund und Boden aufgeben, die Nomaden werden gezwungen, sich in den Städten niederzulassen. Ohne Land und Religion verschwinden Kulturen. Das gilt besonders für Tibet, wo das Land selbst als heilig erachtet wird.

Während ihre Kultur von der Eisenbahn untergraben wird, können die meisten Tibeter keinen wirtschaftlichen Nutzen daraus ziehen. Mit einem Preisschild von mehr als $ 4 Mrd. ist die Bahnlinie ehrgeizigstes und teuerstes Element in Chinas derzeitiger Kampagne zur Entwicklung der Westregion, bekannt unter dem Titel „Großer Sprung nach Westen“. Der Eisenbahnbau basiert jedoch auf den alten strategischen und politischen Zielen der Kommunistischen Partei und die Hauptnutznießer werden das Militär, chinesische Firmen und Zuwanderer sein. Die meisten Tibeter haben weder Zugang zu einer Ausbildung, die es ihnen ermöglichen würde, in dem von China reglementierten wirtschaftlichen Umfeld bestehen zu können, noch dürfen sie am Erfolg teilhaben.

Die Eröffnung der Bahnlinie nach Tibet könnte keine größere symbolische Bedeutung für die kommunistische Elite haben – sie ist das Ergebnis eines von Mao vor mehr als 40 Jahren gesetzten Goals als Teil einer Strategie Chinas, die Integra-tion Tibets zu vollenden. Es ist ja traurige Tatsache, dass die Eröffnung der Bahnlinie in einem Klima intensivierter politischer Unterdrückung stattfindet. Die Kommunistische Partei sei im „Kampf bis zum Tod“ gegen den Dalai Lama und seine Anhänger engagiert, sagt Zhang Qingli, Chef der KP Tibet.

Chinas Staatspräsident Hu Jintao eröffnete die Bahnlinie am 1. Juli. Als er in den späten Achtzigerjahren Parteichef der Region war, hatte er durch die Verhängung des Kriegsrechts in Lhasa den Vorsitz über Folter und Gefangenschaft von Tausenden Tibetern inne. Die Tibeter haben Herrn Hus Rolle in der Unterdrückung ihres Volkes nicht vergessen. Auch war Präsident Hu persönlich an der Aufsetzung der Richtlinien für eine „Fast-Track“-Entwicklung beteiligt, die für die meisten Tibeter eine Katastrophe war. Die Richtlinien fußen auf dem chinesischen Stadtmodell und ignorieren die Bedürfnisse, Ansichten oder Lebensweise der Tibeter, die sie auf dem Hochplateau über die Jahrhunderte überleben ließen. Oft hat der Dalai Lama über die dringende Notwendigkeit gesprochen, die Tibeter in die Entwicklung ihres Landes mit einzubeziehen. 

Ein echter „großer Sprung“ würde eine tibetische Rolle in der wirtschaftlichen Entwicklung erlauben, die religiöse Kultur und Identität Tibets schützen und eine Einbindung des Dalai Lama in die Entscheidungen über Tibets Zukunft be-
grüßen. Zwar gab es seit 2002 nach einer Dekade in der politischen Sackgasse mehrere Dialogrunden zwischen Peking und den Gesandten des Dalai Lama, derzeit ist Chinas Engagement in diesem Prozess jedoch unsicher.

Tibets kostbare Kultur und Religion mit den Prinzipien von Weisheit und Mitgefühl und der  Botschaft von gegenseitiger Abhängigkeit und Gewaltlosigkeit sind in der tibetischen Landschaft und den Herzen der Tibeter verwurzelt. Dass das Wissen über den tibetischen Buddhismus im eigenen Land überlebt, ist lebenswichtig - sowohl für die Welt wie auch für das tibetische Volk. Eine weitere Zerstörung dieser Identität darf nicht Bestandteil von Chinas Reise zur Größe sein.

veröffentlicht 15.Juli 2006,

New York Times

Übersetzung aus dem Englischen                  



                             

 
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