Tibet bei Wikipedia - Bestenfalls Blauäugigkeit

Von Klemens Ludwig

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.4.06:

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ermöglicht es ihren Nutzern, die Inhalte selbst zur Verfügung zu stellen. Das sorgt immer wieder für Zündstoff, wenn etwa Sekten oder Fanatiker versuchen, ihre Sicht unterzubringen. Die Kontrollmechanismen funktionieren in der Regel so gut, dass offenkundige Falschmeldungen, auch Vandalismus genannt, innerhalb von fünf Minuten verschwunden sind. Was aber, wenn es um kontroverse Themen jenseits platter Agitation geht; wenn die Tibet Initiative Deutschland (TID) Wikipedia vorwirft, die Darstellung unter dem Stichwort Tibet verbreite in wichtigen Punkten die offi-zielle chinesische Sichtweise?

Die TID kritisierte zunächst, dass Wikipedia die Zerstörung der nahezu sechstausend Tempel und Klöster sowie die Ermordung von 1,2 Millionen Menschen im Einklang mit der offiziellen chinesischen Lesart allein den „radikalen Elementen der Kulturrevolution“ zuschrieb. Damit sei Peking aus der Verantwortung, denn von der Kulturrevolution distanziert sich heute in China jeder. Zudem sei die Barbarei demnach nicht spezifisch antitibetisch, sondern Teil eines allgemeinen Feldzugs gegen alles Traditionelle und Religiöse.

„Bei der Datierung waren die Fakten erdrückend“

Die Tibeter im Exil haben diese Sicht schon immer zurückgewiesen, sie berufen sich dabei sogar auf offizielle Zahlen. Im Juli 1987 hat der damalige Vize-Gouverneur von Tibet, Pu Qiong, auf einer internationalen Pressekonferenz eingestanden, dass 79,6 Prozent der Kultstätten sowie 93,3 Prozent der Geistlichen noch vor der Kulturrevolution dem anti-religiösen Wahn zum Opfer gefallen sind. Die grossen Zerstörungen begannen im März 1959 nach einem Volksaufstand, und als die Kulturrevolution tobte, gab es in Tibet nicht mehr viel zu zerstören.

Nach eingehender Erörterung änderte Wikipedia schließlich diesen Punkt, was Wolfgang Grader, der Vorsitzende der TID, auch anerkennt, doch damit ist die Debatte für ihn keinesfalls aus der Welt: „Bei der Datierung der Zerstörungen waren die Fakten erdrückend, doch andere Formulierungen deuten noch immer auf einen prochinesischen Autor hin.“ Dazu zählen für Grader die Angaben über die Bevölkerungsverteilung.

„Systematischen Sinisierung des Landes“

Zwar gesteht er ein, dass es schwierig sei, genaue Zahlen über die chinesische Präsenz in Tibet zu erlangen, da Peking keine objektive Bestandsaufnahme zulasse, doch eine Statistik über die „Ethnische Gliederung der Bevölkerung Tibets“, die 92,77 Prozent Tibeter und 6,06 Prozent Han-Chinesen aufweist, halte er für unentschuldbar. Bis zu der Eingabe der TID stand diese Statistik ohne Quellenangabe im Raum; inzwischen wird sie mit einer Quelle in chinesischen Schriftzeichen belegt. Weiter heißt es bei Wikipedia, der Anteil der Chinesen in Tibet liege „nach seriösen Schätzungen bei über 10 % bis höchstens 20 % der Gesamtbevölkerung“.

Grader kritisiert, mit solchen Zahlen solle von „der systematischen Sinisierung des Landes“, die für jeden Besucher sichtbar sei, abgelenkt werden. Schätzungen zur Präsenz der Chinesen in Tibet schwankten zwischen 20 und 70 Prozent, je nachdem, wo die Grenzen Tibet gezogen würden. Allerdings heißt es bei Wikipedia ausdrücklich: „Seit der Einnahme von China ist die Kultur stark von der Transkultura-tion mit der chinesischen Kultur (Sinisierung) betroffen, die Bestandteil der chinesischen Politik ist.“

Wie kommen Informationen in die Enzyklopädie?

Auch in Bezug auf die Religionsfreiheit wirft die TID Wikipedia „bestenfalls Blauäugigkeit“ vor. Dazu heißt es im Eintrag: „Nach chinesischen Vorstellungen können religiöse Aktivitäten ungestört durchgeführt werden, allerdings besteht die chinesische Staatsführung darauf, dass keine religiöse Gruppe die Zugehörigkeit Tibets zu China in Frage stellt und dass jede religiöse Gruppe den Primat der Kommunistischen Partei Chinas in allen strittigen politischen Fragen anerkennt. Nach dieser Staatsvorstellung kann dann auch eine demonstrative Forderung der Rückkehr des Dalai Lamas, wie nicht genehmigte Demonstrationen, strafbar sein und mit Gefängnisstrafen geahndet werden.“

Für eine solche Formulierung hat Grader kein Verständnis. Bei der Kontroverse zwischen der TID und Wikipedia geht es jenseits der Inhalte um die Frage, wie Informationen Eingang in die Enzyklopädie finden. Ein Versuch der TID, die beanstandeten Passagen unmittelbar zu korrigieren, endete so wie die als „Vandalismus“ getilgten Eingaben: Die Änderungen wurden vom Autor des kritisierten Beitrags sofort rückgängig gemacht.

„Wichtigste Quelle sind Flüchtlinge in Indien“

Zu diesem Verfahren steht Elisabeth Bauer vom Wikipedia-Presseteam: „Der Autor hatte recht, so zu handeln, denn die Eingaben der TID waren unbelegt und bedeuteten zum Teil gravierende Veränderungen.“ Die Tibet Initiative habe sich nicht an die Grundsätze von Wikipedia gehalten.

„Sie ist eingeladen, sich im Forum an der Diskussion zu beteiligen, und wenn ihre Argumente überzeugen, kann ihre Kritik in den Artikel einfließen, wie wir ja gezeigt haben.“ Im Zweifelsfall, bekräftigt die Pressesprecherin, verlässt sich Wikepedia auf die Wissenschaft.

Schon in einer freien Gesellschaft sei die Wissenschaft selten neutral, gibt Grader zu bedenken, viel weniger in einer totalitären: „Wenn Tibetologen aus dem Westen zu Ergebnissen kommen, die Peking nicht gefallen, werden sie kaum noch weitere Genehmigungen für Forschungsaufträge erhalten. Unsere wichtigste Quelle sind die Flüchtlinge in Indien.“ Den Vorwurf, dass damit Einseitigkeit quasi Programm sei, weist die Initiative zurück. Man wolle Politiker überzeugen, die schon aus wirtschaftlichen Gründen ein offenes Ohr für die chinesische Sicht der Dinge haben müssten. Aller Erfolg der Informationsarbeit hänge vom Ruf der Seriosität ab. Wie bei Wikipedia?



                             

 
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