Harrer, Heilkunst, Hüttenberg
 

Eine kleine Geschichte hinter der Grundsteinlegung der tibetischen Medizin-Universität durch S.H., den 14. Dalai Lama

Von Heinz Nußbaumer

Sonntag, 13. Mai 2006 – der Tag, an dem die Geschichte des Tibetischen Zentrums und der Tibetischen Medizinschule im Kärntner Hüttenberg offiziell begonnen hat. Über 5.000 Menschen waren dabei, als der Dalai Lama – zusammen mit Carina Harrer und viel Prominenz – den Grundstein legte. Ein Tag der Blasmusik und des Buttertees.

Ein großer Anfang – und doch auch der Abschluss einer langen, bisher kaum bekannten Vorgeschichte – untrennbar mit dem Namen Heinrich Harrers verbunden.

Prof. Heinz Nußbaumer, Freund und Weggefährte des großen, im Jänner verstorbenen Forschers und Entdeckungsreisenden Heinrich Harrer, der am Rand der Zeremonien in Hüttenberg sein persönliches Wiedersehen mit dem Dalai Lama feierte, erzählt aus seiner Erinnerung:

27 Jahre sind vergangen seit im August 1979 eine Handvoll Österreicher nach Tibet aufbrach. Die erste westliche Besuchergruppe nach der Kulturrevolu-tion. Sieben Jahre zuvor – im November 1972 – hatte mir Chinas unvergesslicher Regierungschef Chou En-lai in einem dreistündigen Nachtgespräch in Pekings „Halle des Volkes“ diese Reise versprochen gehabt. Aber selbst beim Anflug auf Chengdu, den letzten Zwischenhalt, war nicht gewiss, ob wir Lhasa jemals erreichen würden. Und mit jedem Tag, den wir – vergeblich auf das Flugzeug wartend – in der Hauptstadt Sichuans verbrachten, schwand unsere Hoffnung.

Heinrich Harrer, damals gerade in Indien unterwegs, hatte mich zuvor in vielen Briefen auf alles vorbereitet, was in Tibets Hauptstadt zu tun (und möglichst zu dokumentieren) war: Seine alten Freunde aufsuchen, die Spuren seiner Welt von einst (1944 – 1951) verfolgen – und auch nach jenen so wertvollen tibetischen Medizin-Thangkas zu forschen, die beim Aufstand gegen die chinesischen Besatzer 1959 aus der zerschossenen Medizinschule am „Eisenberg“ verschwunden waren. Es war die in Bildern überlieferte  Geschichte der tibetischen Heilpflanzen- und Mineralienkunde.

Wunder über Wunder: Irgendwann kamen wir tatsächlich nach Lhasa, wurden dort wie Wesen vom anderen Stern bestaunt – und erlebten die trotz Besetzung und Diktatur ungebrochene Liebe des tibetischen Volkes zu seinem fernen Gottkönig. Wir fanden auch alte Freunde Harrers. Und selbst das Unglaubliche gelang: Am Dachboden des neuen tibetischen Krankenhauses von Lhasa („Men-tsi-khang“), unweit des Dschokhang-Tempels, standen wir tatsächlich vor dem Regal mit jenen 79 alten Medizin-Wandbildern aus Seide und Brokat. Mehr noch: Irgendwie überredeten wir sogar den Wächter, sie aufzurollen und sie uns fotografieren zu lassen. All das haben Franz Goess (Kamera) und ich auch in einem TV-Film festgehalten („7 Tage in Tibet“), der damals – Tibet war ja noch weitgehend unerreichbar – um die Welt gegangen ist.

Zurück in Europa, fanden wir den Dalai Lama im tibetischen Kloster Rikon auf einer Waldlichtung
im Osten der Schweiz - und überreichten ihm dort stolz die „Ernte“ unserer Reise. Auch dies eine berührender Szene unseres Filmes. Seine Dankbarkeit war groß; der deutsche Name „Nußbaumer“ erhielt damals eine tibetische Version: „Tarkashing“ (der Walnussbaum).

Jahre später, als der Dalai Lama 1986 erstmals in Wien öffentlich auftrat, durfte ich ihn und die Geschichte Tibets im „Haus der Industrie“ vorstellen.  Später sahen wir uns mehrfach wieder. Auch in Wien, in Graz und Salzburg – unvergesslich der gemeinsame Besuch der großen, eindrucksvollen Schaubilder der „Schäfer-Expedition“ nach Tibet (1938/39) im Salzburger „Haus der Natur“ am Rand der Salzburger Festspiele 1992.

Jahre später meldete die UNESCO, man habe Kopien der tibetischen Medizin-Thankas auch über die Mongolei in den Westen gebracht. Und mit der Welle von Esoterik und Alternativmedizin wurde Tibets große medizinische Weisheit in tausend Büchern, Filmen und Gesundheits-seminaren über Europa geschwemmt.

Irgendwann verblassten die Erinnerungen an das Lhasa von 1979 – bis zu jenem regnerisch-kühlen 13. Mai 2006 in Hüttenberg. Bis der Dalai Lama im alten Gemäuer des einstigen Eisenwerks Heft die Butterlampe entzündet – symbolische Geburtsstunde für die tibetische Medizin-Universität mit Schwerpunkt Heilpflanzen- und Mineralienkunde. Bis er begeistert hört, dass ausgerechnet das kleine Hüttenberg, Heimatort Heinrich Harrers, der mineralreichste Ort Europas sei – und fröhlich sagt, wie sehr sich doch hier eines zum anderen füge. Bis er mich mit seinem unglaublichen Gedächtnis an unsere „gemeinsame Geschichte“ mit den Wandbildern aus Lhasa erinnert. Bis er  schließlich am Grab seines toten Freundes Heinrich steht und zwei Glücksschleifen über sein Grabkreuz legt: eine weiße und eine goldgelbe. Denn „Heinrich wird als Lama wiederkommen“...  



                             

 
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