Sperrzone Tibet

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Wie ausländische Korrespondenten durch Geheimdienste bespitzelt werden.
Seit Anfang des Jahres dürfen ausländische Korrespondenten ohne Genehmigung der Behörden zu Recherchen durch China reisen. Einzige Ausnahme ist Tibet. Wer als Journalist trotzdem in das Himalajaland reist, wird bespitzelt und bedroht.

Zwei Tage lang waren wir im Zug aus der chinesischen Provinz Qinghai nach Lhasa unterwegs gewesen. Unsere Reise hatten wir, zwei Korrespondenten und ein mexikanischer Begleiter, bei einem offiziellen Reisebüro gebucht. Unser Ziel ist das Basislager des Mount Everest, zwei Tagesreisen im Jeep von Lhasa entfernt. Dort bereiten sich, auf 5200 Meter Höhe, die internationalen Bergsteigergruppen auf die Erklimmung des höchsten Berges der Erde vor. Ein politisch harmloses Thema. Doch für die Behörden in Tibet, die fast nie ausländische Journalisten in das Land lassen, sind wir dennoch ungebetene Gäste. Wir merken das erst, als wir im Jeep nach Shigatse sitzen. Wenige Kilometer vor der zweitgrößten Stadt Tibets stoppt uns eine schwarze Limousine. Ein Mann mit Sonnenbrille, der sich als "Inspekteur der tibetischen Tourismusbehörde" ausgibt, steigt aus. "Sofort zurück nach Lhasa fahren", erklärt er. Unser Handy klingelt, es ist der tibetische Besitzer des Reisebüros, bei dem wir die Jeepfahrt gebucht haben. "Bitte kommen Sie zurück. Sie wissen, dass ihr Journalisten seid. Sie drohen damit, meine Firma zu schließen", fleht er. Drei Stunden dauert die Rückfahrt nach Lhasa.

Am Abend treffen wir auf Herrn Chen. Die Visitenkarte, die er uns überreicht, weist ihn als Generalmanager einer Reisefirma aus. In Wirklichkeit geht Herr Chen einer geheimeren Tätigkeit nach. Seine Aufgabe ist, die Arbeit von ausländischen Journalisten in Tibet zu verhindern. Wenn wir heimlich Interviews führen sollten, würde das "unangenehme Konsequenzen" haben. Die Firma, bei der wir die Jeepfahrt gebucht hätten, habe nicht die nötigen Papiere, erklärt er. Herr Chen lächelt, denn auch er weiß, dass dies ein Vorwand ist, um unsere Recherchen zu verhindern. Wie sollen wir jetzt zum Basislager kommen? "Sie dürfen nur mit meiner Firma reisen", erklärt Herr Chen. Das koste doppelt so viel, und wir müssten drei Tage warten. In einem Nachbargebäude verhören Zivilpolizisten den tibetischen Fahrer und den Besitzer der Reisebüros. Der Fahrer muss 5000 Yuan Strafe zahlen, für viele Tibeter ist das ein Jahreslohn. Ein Mann kommt auf uns zu, flüstert: "Sie wissen alles über euch. Sie verfolgen euch." Als wir am Morgen das Hotel in der Altstadt verlassen, läuft ein Mann in einem roten Jackett hinter uns her. Wir biegen in Seitenstraßen ein, wechseln die Richtung. Ein zweiter und ein dritter Mann verfolgen uns. Nach ein paar Minuten wird uns klar, dass wir umringt sind von Geheimpolizisten. Am nächsten Tag wird die Überwachung noch stärker. Wir überlegen, mit dem Bus nach Shigatse zu fahren. Kaum sitzen wir im Taxi, hält eine Polizeikontrolle unser Auto an. Der Fahrer wird verhört. Im Busbahnhof erklärt eine Angestellte: "Sie dürfen nicht mit dem Bus nach Shigatse. Wir verkaufen ihnen kein Ticket."

Ein halbes Jahr nach dem Einmarsch der chinesischen Armee regiert Peking Tibet wie ein besetztes Land. Alle wichtigen Positionen in Politik und Verwaltung sind mit Han-Chinesen besetzt. Menschen-rechtsorganisationen berichten von Folter und willkürlichen Gefängnisstrafen, mit denen tibetische Mönche und Nonnen unterdrückt werden. Im Ausland soll das niemand erfahren. Als einzige Region in China brauchen ausländische Besucher neben dem Visum eine Sondergenehmigung für die Einreise nach Tibet. Journalisten bekommen diese Genehmigung fast nie.

Am Abend vor der geplanten Abfahrt zum Basislager ruft Herr Chen an, um die Reise abzusagen. Die Polizei habe den Reiseausweis unseres mexikanischen Begleiters eingezogen. Als wir am nächsten Morgen zur Polizeistelle gehen, will uns niemand empfangen. Wir gehen zum Amt für Auswärtige Angelegenheiten, das in China für Journalisten und Diplomaten zuständig ist. "Sie sind nur als Touristen hier. Sie dürfen nichts berichten", erklärt eine unfreundliche Frau. Wir rufen Herrn Chen an und erklären, dass wir Tibet verlassen wollen. Innerhalb von zehn Minuten bringt ein Fahrer den Reiseausweis und die Bestätigungen für die Flüge. "Sie wollen nicht mehr zum Basislager fahren?", fragt Herr Chen am Telefon. Er klingt zufrieden.
von Harald MAASS, 19.04.07, 22:07h

 
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